„Das dreizehnte Kind“ – ein finnischer Leseabend in Braunschweig

Welch ein Glück für unsere Braunschweiger Bezirksgruppe die einzige Station in Niedersachsen auf der DFG-Lesereise Virpi Hämeen-Anttilas zu sein! Es hat sich gelohnt die Werbetrommel eifrig zu rühren – alle Plätze in der gastgebenden Buchhandlung Neumeyer waren besetzt und es herrschte eine angeregte, erwartungsvolle Stimmung. Virpi Hämeen-Anttila wurde uns von ihrer Übersetzerin Meike Frese vorgestellt.

Die Vita Virpi Hämeen-Anttilas verriet uns, dass es sich um eine interessante, außerordentlich vielseitige Persönlichkeit handelt, die Zeit und Muße findet neben ihrer Arbeit als Indologin und der Lehrtätigkeit an der Uni Helsinki, Romane zu schreiben und Bücher zu illustrieren. Auf Anfragen aus dem Publikum wie sie dies alles meistert, antwortete sie ganz bescheiden, dass sie die Kraft aus der Musik schöpft, sie wählt genau die Musik zum Schreiben aus, die sie inspiriert. Ihre besondere Zuneigung gilt der Musik und der Person Franz Schuberts.

Die in finnisch und in deutsch gelesenen Textabschnitte, erläuterte Meike Frese dazwischen stellte sie Fragen an die Autorin, die sehr hilfreich waren, das fein geknüpfte Netz der Beziehungen der agierenden Romanfiguren zu durchschauen. Gleich zu Beginn hielten beide ihre Bücher hoch – das Cover der finnischen Ausgabe widerspiegelt die Thematik des Buches in Ansätzen und die deutsche Ausgabe zeigt ein Bild mit den üblichen Skandinavien-Klischees, also rotes Holzhäuschen und Landschaft. Großer Wieder erkennungswert –„ Achtung Skandinavien“, aber ohne Inhaltsbezug.

Virpi Hämeen-Anttila und Meike Frese machen uns bekannt mit Tea, einer in aller Welt konzertierenden gefeierten Pianistin, einer schillernden Persönlichkeit, die mit allen Fasern ihres Herzens für die Kunst lebt, sodass ihre beiden Kinder Johanna und Joakim, ihre alte kranke Mutter Eila und auch ihr langjähriger treuer Freund Illkka keine Chance hatten eine dauerhafte verlässliche, liebevolle Bindung mit ihr einzugehen. Illka ist die stabilste Größe in dieser Familien- konstellation – der Fels in der Brandung, geduldig, gütig, abwartend, sich nie aufdrängend, aber das Vertrauen aller genießend. In einer künstlerischen Zwangspause aufgrund einer Handverletzung kehrt Tea für eine unbestimmt lange Zeit nach Helsinki zurück, ihre Mutter liegt im Sterben, ihre Kinder führen ein ziemlich rastloses Leben – Johanna als Schauspielerin und Stückeschreiberin, Joakim als Journalist. Illkka ist Biologe, verbringt jede freie Minute mit dem Beobachten von Vögeln und dem Umbau seines neuen Domizils – außerhalb der Hauptstadt Helsinki, vielleicht mit der Hoffnung, eines Tages den Lebensmittelpunkt oder Fluchtpunkt dieser unglücklichen Familie dorthin zu verlegen? Mit dem plötzlichen Auftauchen der kleinen Maja tritt eine große ungeahnte Veränderung im Leben vor allem Johannas ein, und die Neugier des Publikums ist geweckt…

Viele Fragen stellten die Zuhörer an Virpi Hämeen–Anttila, auch nach ihrer Verbindung zu Indien, Einflüsse des Sanskrit in ihre Arbeit. Diese Kultur sei ihr als Europäerin doch zu fremd, um sie in Romanen zu verarbeiten, aber ihre Erzählweise sei sicher vom Sanskrit beeinflusst, antwortete die Autorin.

Der Abend flog schnell dahin, wir wünschen uns noch mehr solche intelligent geschriebene, kurzweilige Romane, die das Leben finnischer Menschen mal ohne Mökki-Idylle und jenseits blutrünstiger Krimis beschreiben.