Kalevala – eine literarisch-musikalische Reise

Wie Brigitte in ihrem Bericht schon erwähnte, haben wir viele Ideen gesammelt, wie man das Jubiläumsjahr ausgestalten könnte. Die Liste reicht sicher noch für weitere Jahre. Eine Idee, die ich hegte und im Vorstand vorschlug, hieß „Kalevala“. Ich begann also – mal wieder – mich mit diesem Mythos zu beschäftigen und berichtete meiner Finnisch-Lehrerin Mari Aalto davon. Sie fand das Thema auch interessant und wir überlegten, ob man daraus nicht zweisprachig lesen könnte. Mari hatte bereits so eine Lesung zusammen mit Oliver Simon, dem Schauspieler des Braunschweiger Staatstheaters veranstaltet. Damals war ich fasziniert, dass sich mir der Inhalt des Romans „Fegefeuer“ von Sofi Oksanen erschloss, trotz der für mich unverständlichen finnischen Passagen.

Mari nahm also wieder Kontakt zu Oliver Simon auf, der sich in das für ihn sicherlich fremde Werk rasch einarbeitete und immer mehr Gefallen an der in strengem Metrum gehaltenen Nachdichtung von Lore und Hans Fromm fand. Es folgte ein intensiver Prozess der Auswahl geeigneter Szenen und so reifte der Wunsch heran, doch auch Musik und Bilder einzubeziehen. Die Bilder fanden sich u.a. bei Akseli Gallen-Kallela. Die Suche nach passender musikalischer Untermalung sollte zunächst im heimischen CD-Regal stattfinden. Doch schon bald spukte der Gedanke an Live-Musik in unseren Köpfen. Es fand sich schließlich in Annika Steinke eine junge Sängerin und Instrumentalistin, die die alten Gesänge und das Kantelespiel souverän beherrscht.

Parallel zu den nun beginnenden Proben liefen für uns die organisatorischen Aufgaben: einen für alle Mitwirkenden passenden Termin finden, die Suche nach einem kostengünstigen, geeigneten Aufführungs-Raum, Plakate und Flyer entwerfen, den Karten-Vorverkauf organisieren und die Veranstaltung bewerben.

Am Aufführungstag erfolgten Bühnenbild, Beleuchtungseinrichtung und Bestuhlung aus eigener Kraft, um die Kosten niedrig zu halten. Der nüchtern-funktionale Studiosaal des Kulturzentrums Brunsviga in Braunschweig wurde liebevoll dekoriert: kleine Tischchen zwischen den Sitzreihen mit bunten Teelichtern (natürlich von Iittala), im Blick die Bühne mit neugierig machenden Gegenständen aus finnischer Vorzeit. Nur der Laptop, der die Bilder in den Beamer zauberte, als Sampo verkleidet, schlug den Bogen in die neue Zeit.

Über 50 Gäste kamen und waren gespannt auf das kleine Kammerspiel.

Oliver Simon, Mari Aalto und Annika Steinke spielten mit enormer Kreativität, Sensibilität und Lebendigkeit. Sie präsentierten eine Aufführung, die nicht nur meine Vorstellung und Erwartung weit übertraf.

Den Rahmen der Aufführung bildeten Tagebucheintragungen von Elias Lönnrot, der die Gesänge des Kalevala auf seinen Reisen sammelte und aufschrieb. Seine Ski-  und Wanderausrüstung gehörte u.a. zum Bühnenbild.

Die Wanderung führt nach Kalevala, der Heimat Väinämöinens. Er ist der Sohn der Göttin Ilmatar und erblickte bereits als alter und weiser Mann das Licht der Welt, einer magischen Welt. Er ist ein mächtiger Zauberer, der mit seiner Stimme Kraft Wunder wirken kann. Die größte Macht entfaltet er im Gesang, die sich noch steigert, als er die Kantele erfindet.

Einer der Gesänge handelt von der unglücklichen Aino, die lieber stirbt, als einen Greis zu ehelichen. Es folgt die Rache ihres Bruders und Väinämöinens Ankunft in Pohjola, dem Reich der Nordlandkönigin und die Werbung um die Hand der schönen Nordlandtochter. Um diese heimführen zu können, soll Väinämöinen etliche schwierige Aufgaben erfüllen. Er bewältigt sie alle, bis auf das Schmieden des Sampo „mit dem schönen bunten Deckel“, diese Arbeit überlässt er dem Schmied Ilmarinen. Im Laufe der Geschichte  zerspringt der Sampo im Kampfgewühl.

Oliver Simon ist es gelungen, die Gesänge von jeglichem Pathos zu befreien und die Kraft der altertümlichen Sprache durch geschickte Stimmführung, Gestik und Mimik herauszustellen. Dabei entfaltete er eine Natürlichkeit, die die Schönheit der Dichtung den Zuhörern nahebrachte. Die Dialoge mit Mari, die den finnischen Urtext vortrug, erschlossen sich inhaltlich durch eingearbeitete Zusammenfassungen, bzw. die an das Segel von Väinämöinens Schiff projizierten Bilder.

Annika Steinke umrahmte die Szenen mit zarten, fast meditativen Kanteleklängen und gestaltete die Gesänge anmutig mit ihrer glockenhell klingenden Stimme. Umso überraschender wirkte die Geräuschkombination, mit der sie das Schmieden des Sampo hörbar machte und die Zaubermühle mit einem Tritt gegen einen Blecheimer scheppernd zerspringen ließ.

Ich habe selten ein Publikum erlebt, das so in den Bann des Spiels gezogen war. Mit herzlichem und ausdauerndem Applaus zeigten die Zuschauer ihre Begeisterung. Eine tolle Aufführung, die hoffentlich noch an anderen Orten gezeigt werden kann.

Helga Belckwedel

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