Stadtführung in Helmstedt

Helmstedt ist (nicht nur) e i n e Reise wert!

Am Samstag, 23. 09. 06 trafen sich interessierte Finnlandfreunde zum Helmstedt-Spaziergang bei den „Lübbensteinen“. Unser langjähriges DFG-Mitglied Hans-Joachim Bjarsch, Autor einer Chronik über den Helmstedter Landkreis von 1945-1990, hatte sich bereiterklärt, Helmstedt vorzustellen. Einst der Mittelpunkt Deutschlands, gehört dieses Städtchen durch seine 40-jährige Zonenrandlage zu den Orten, die zwar um nach Westberlin zu kommen von Tausenden passiert wurden, aber die Angst vor dem grausamen Grenzritual, gab nur wenigen die Ruhe sich dem beschaulichen Städtchen zu widmen. Es ist also Nachholbedarf vorhanden!

Hans-Joachim hatte prächtiges Spätsommersonnenwetter bestellt und begann auf dem St. Annen-Berg seine Führung.

Etwa 3.500 Jahre vor Christus wurden mehrere Großsteingräber auf dem Hügel angelegt. Zwei davon sind noch zu besichtigen – mächtige Braunkohlequarzitsteine (Knollenquarzit) bilden Einfassungen, Kammern und die Abdeckung, ost-westlich ausgerichtet, eine geheimnisvolle Kultstätte. Der Helmstedter Professorenschaft vergangener Jahrhunderte ist es zu verdanken, dass sie nicht als Baumaterial, als Steinbruch missbraucht wurden.

Der nächste Besichtigungspunkt war die ebenfalls auf einem Hügel stehende Klosterkirche – das ehemalige Augustiner-Chorfrauenstift St. Marienberg aus dem Jahre 1176, ein großartiges Ensemble am Übergang von der Romanik zur Gotik mit Kirche, Kreuzgang und Konventsgebäuden. 1569 wurde es ein evangelisches Damenstift und heute beherbergt es eine weit über die Grenzen Deutschlands hinaus berühmte Paramentenwerkstatt mit einer reichen Sammlung historischer sakraler Textilien. Außerdem befinden sich die Probenräume des Knabenchores, Schulungsstätten, Wohn- und Atelierräume für einen Stipendiaten der HBK Braunschweig dort. In unmittelbarer Nähe steht noch das ehemalige Pförtnerhaus des Klosters. Leider konnten wir die Kirche mit ihren Schätzen nicht besichtigen, vielleicht gelingt es beim nächsten Helmstedtbesuch.

Das einzige katholische Kloster Helmstedts, das der Reformation getrotzt hat, St. Ludgeri, ist die nächste Station. Die beeindruckende große Klosteranlage, später eine Domäne, fiel leider nicht nachvollziehbaren städtebaulichen Ausführungen zum Opfer – eine Hauptverkehrstraße trennt das Ensemble. In der Mitte der Straße – früher die Mitte des Innenhofes – steht vom Verkehr umtost das Taubenhaus, das „Türken-Tor“ hat man an den Straßenrand verbannt.

Die Kirche und den Klosterhof besichtigten wir, auch die interessante Doppelkapelle St. Petrus und St. Johannes – sie ist das älteste kirchliche Baudenkmal Helmstedts und steht im „Passhof“.

Hans-Joachims Geschichtswissens- und Anekdotenschatz ist schier unerschöpflich, alle Jahreszahlen, Namen und die dazugehörenden Verbindungen sind ihm geläufig – so verging die Zeit viel zu schnell und der Kaffeedurst stellte sich ein – wir fuhren ins Brunnental nach Bad Helmstedt, das idyllisch im Lappwald liegt.

Mineralquellen, Bade-, Logier- und Gasthäuser gab es in der Hochzeit des Badebetriebes im ehemaligen Gesundbrunnen, doch die Kalischächte der Nachbardörfer ließen den Grundwasserspiegel sinken und die Quellen versiegten. Übrig vom „Gesundbrunnen“ sind ein Theaterbau, der von Reisetheatern regelmäßig bespielt wird, schöne Villen, Spazierwege und das Cafe „Clarabad“, wo wir einkehrten und die Kuchenvorräte plünderten. Gut erholt machten wir uns auf zum zweiten Teil der Besichtigung, vorbei am Skulpturenpark eines modernen Bildhauertreffens zum Parkplatz – nächster Treffpunkt – der Holzberg. Der Holzberg ist ein riesiger von Fachwerkhäusern eingerahmter Platz mit alter Pflasterung, der als Parkplatz und für Wochenmärkte genutzt wird. Wir spazierten zum Rathaus am Markt, ein verspielter neugotischer Bau aus dem Jahre 1904, davor ein Brunnen aus Knollenquarzitsteinen, erinnernd an die Lübbensteine. Unweit des Rathauses steht das beeindruckendste Fachwerkhaus Helmstedts, das ehemalige Hoflager der Braunschweiger Herzöge von 1567. Einzigartige Schnitzereien verzieren die Fassade mit allegorische Darstellungen, Wappen und Inschriften.

Auf dem Weg zur alten Universität passierten wir viele mit Tafeln auf ihre früheren Bewohner hinweisende Professorenhäuser, auch das Domizil des Philosophen Giordano Bruno. 1576 gründete Herzog Julius die Universität in den zum Kloster Marienthal gehörenden Gebäuden des „Grauen Hofes“, sie stehen einander gegenüber, das querstehende „Juleum“ kam erst 1592-97 hinzu, die prunkvoll verzierten Giebel zeigen deutlich die Handschrift des Baumeisters Paul Francke (BMV Wolfenbüttel). Ein großartiger Renaissancebau, dessen oberes Geschoss als Bibliothek dient, unten befindet sich die Aula, die wir besichtigen konnten, im Keller sind die Räume des Heimatmuseums. 1810 wurde die Helmstedter Universität geschlossen, nachdem das Herzogtum Braunschweig Westfalen zugeschlagen war, regierte dort Napoleons Bruder Jerome, der Rinteln und Helmstedt aufgab zugunsten der Universitäten von Halle, Göttingen und Marburg erklärt uns Hans-Joachim. Als Kuriosum ist noch zu erwähnen, dass bei Sanierungsarbeiten des Brunnens im Universitätshof die Entfernung zum Erdmittelpunkt errechnet und mit 6365 km angezeigt ist.

Dem Hausmannsturm, es ist das einzige erhaltene Stadttor im Braunschweiger Land als Teil der alten Stadtmauer, statteten wir noch einen kurzen Besuch ab, blickten in die Wallanlage, die noch vollständig um den alten Stadtkern begehbar sein soll und schauten die St. Georgskapelle von 1322 an, die seit den 70iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Juwelier bewohnt. Zum Abschluss des Tages begaben wir uns in den Ratskeller, wo wir bei einem ausgesprochen üppigen Abendessen und guter Stimmung den Helmstedtbesuch ausklingen ließen.

Wir bedanken uns nochmals herzlich bei Hans-Joachim und hoffen auf eine ebenso informative Fortsetzung „Helmstedt Teil 2“ im nächsten Herbst!